«Lasst uns Abschied nehmen von den Prides 2020!»
Jedes LGBTIQ-Event ist ein Gewirr von Tausenden von Menschen, meint unser Kommentator
Wäre es nicht jetzt klug, wenn wir auf das Highlight unserer Jahreszeit verzichten und den CSD absagen? Es sind nur noch wenige Wochen – aber ein Ende des virologischen Schreckens ist noch lange nicht in Sicht, schreibt Jan Feddersen in seinem Samstagskommentar*.
Während ich dies schreibe, im Home Office an einem trüben, spätwinterlichen Freitag, hat Bayern Ministerpräsident Markus Söder gerade für Bayern eine Art Ausgehverbot verhängt. Niemand darf mehr vor die Tür, ohne einen zwingenden, überlebenswichtigen Grund zu haben – Besorgung von Lebensmitteln, Medikamenten etc. Das ist eine weitere ernste Nachricht in dieser Corona-Krise, und es wird von dieser Art News noch viel mehr geben.
«Wenn wir keine Brücke schlagen, interessiert mich Pride nicht»
Die Neuinfektionszahlen und die zu den real in starker Lebensgefahr befindlichen Menschen sollen gering bleiben, damit unser Gesundheitssystem alle behandeln kann. Bloss keine Triagierung – was für ein neues Wort! –, bloss keine medizinisch tragische Auswahl unter Patienten auf den Intensivstationen: Den oder die müssen wir unbehandelt lassen, zu alt, zu krass ohnehin vorerkrankt – dem Tod geweiht. Kein Horrorszenario, so ist es in Italien tagelang schon gang und gäbe. Warum ich das, was ohnehin medial auf allen Kanälen transportiert wird, wiederhole, hat einen simplen Grund: Der Pandemie kommt man nur mit Vernunft bei.
Seit vielen Tagen werden überall in der Welt Events und Shows abgesagt, die Fussball-EM, die uns Mitte Juni vier Wochen beschäftigt hätte, aber auch, naheliegender, der Eurovision Song Contest in Rotterdam (MANNSCHAFT berichtete): Er lässt sich wegen der Grenzschliessungen nicht mehr organisieren – und wird um ein Jahr verschoben, Rotterdam wird zur queeren Kapitale erst im Mai 2021.Und: Selbst die Olympischen Sommerspiele werden sehr vermutlich in diesem Sommer für Tokio storniert – noch zieren sich Veranstalter und viele Sportverbände, aber was spräche gegen eine Vertagung um ein Jahr?
Umfrage: Wie sieht dein Alltag mit Corona aus?
Solange Covid 19 auch in Athlet*innenkreisen mehr und mehr grassiert, ist ja schon eine Vorbereitung auf dieses Event kaum mehr professionell möglich. Womit wir auf die CSD-Saison zu sprechen kommen müssen. Sie lockt in unseren Herzen sehr, einmal im Jahr ermächtigen wir uns gemeinsam öffentlich, uns zu zeigen – L und G und B und T und I und meinetwegen auch noch Q, von den vielen anderen «Zwischenstufen» (Magnus Hirschfeld) mal abgesehen: Im Mai beginnt die deutsche Regenbogenjahreszeit in Potsdam, sie soll im Oktober in Erlangen, Franken, enden (hier findest du alle Termine).
Dazwischen: Pride-Paraden in Deutschland, Österreich und der Schweiz.Wäre es nicht ein Triumph für unsere kulturellen und politischen Anliegen, würden wir in diesen virologisch heissen Zeiten uns zeigen, ja, öffentlich anzeigen, dass das Leben nicht für immer am Boden liegt? Ja, das wäre eine schöne Pointe – aber sie würde surreal wirken, sie kann nicht gelingen. CSDs leben von Wuseligkeit, Enge, Masse und Klasse. Das Zwei-Meter-Abstandsgebot, das momentan an Supermarktkassen eingeübt wird, um nicht versehentlich in einer Covid-19-Wolke zu stehen, würde einfach zu einem CSD nicht passen. (Die Pandemie ist existenzbedrohend für viele Kulturschaffende, Selbstständige und deren Projekte, aber die Community steht zusammen – MANNSCHAFT berichtete).
CSD absagen – und das Strassenfest! Ich plädiere für die Absage aller CSDs in diesem Jahr; in meiner Stadt Berlin bin ich sogar, was sehr traurig wäre, für die Absage des queeren Strassenfests rund um die Motzstrasse am Nollendorfplatz: Das wäre für alle, die sich noch nicht infiziert haben, das perfekte Terrain, um sich doch noch auf üble Art anzustecken: Kein LGBTI-Event ist von solcher Gassenhaftigkeit im Gewirr von tausenden von Menschen. Und, wie gesagt: Das wäre alles von ziemlicher Traurigkeit, denn gerade das Strassenfest eine Woche vor dem CSD war und ist für viele aus unserer Community das erste Event, um sich mit unserer Szene vertraut zu machen.
CSD absagen wäre ein souveränes Zeichen
Nein, CSDs sind schon aus Infektionsgründen dieses Jahr nicht gut zu machen – es läge Nervosität über allem, keine Heiterkeit, keine kämpferische Atmosphäre, die es braucht, um die nötige Energie nach aussen abzustrahlen. Wir könnten uns trösten: Die Absagen geschähen nicht aus homo- oder transphoben Gründen, nicht, weil ein fieser Staat gegen uns wäre.
Rassismus: «Der Platz neben mir bleibt bis zuletzt frei»
Das Virus kennt keine sexuellen Identitäten und Orientierungen – es ist da ganz wahllos. Aber es hat es besonders auf jene offenbar abgesehen, die schon älter sind, die vielleicht Vorerkrankungen in sich tragen und die sich nicht einbilden, jugendlich noch zu sein, also im Bewusstsein der Jungen und sehr Jungen eigentlich unverwundbar. Eine Absage etwa in Berlin wäre ein souveränes Zeichen, die Umstände, die in dieser Zeit ein gewöhnliches Leben nicht möglichen machen, sehr, sehr ernst zu nehmen.
*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.
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