Sachsen: Kretschmer soll sich «laut gegen Queerfeindlichkeit» aussprechen
Der Ministerpräsident hält den CSD für eine Party
Vor der Landtagswahl in Sachsen am Sonntag liegen AfD und CDU in Umfragen Kopf an Kopf – jeweils um die 30 Prozent. Im Wahlkampfendspurt gibt es klare Worte von der Unionsprominenz – und einen Appell aus der queeren Community.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, CDU-Spitzenkandidat bei der Landtagswahl am 1. September, hat die Menschen zur Stärkung der demokratischen Mitte aufgerufen. «Es ist eine Schicksalswahl, hier geht es um alles», sagte er bei einer Kundgebung in Dresden. Ob der Freistaat nach der Wahl «noch diese Stabilität hat», entscheide sich mit der Stärke der Union. Für die letzten sechs Tage brauche es Rückenwind und «dass wir zusammenhalten».
Ob er dabei auch die LGBTIQ-Community im Blick hat, daran gibt es Zweifel. Als es beim CSD Bautzen rechtsextreme Proteste gab (MANNSCHAFT berichtete), äusserte sich Kretschmer erst zwei Tage später und erst auf Nachfrage. Er finde es «unsäglich, dass eine friedliche CSD-Veranstaltung von Menschen, die einfach eine Party feiern wollen «bedroht werde durch Rechtsextreme»; man habe aber dafür gesorgt, «dass diese Leute ihre Party machen konnten».
Jonas Löschau macht das wütend, er hat den CSD organisiert und ist es leid, dass die CDU im Land das offensichtliche Problem nicht erkennen wolle, schimpft der Grünen-Politiker gegenüber MANNSCHAFT. «Immer wieder die gleiche Beschwichtigung. Von wegen: Die Sachsen seien ‹immun gegen Rechtsextremismus›.»
Nun haben kurz vor der Wahl queere Organisationen einen Offenen Brief an Kretschmer geschrieben, den man hier unterzeichnen kann. Wir dokumentieren den Text von LAG Queeres Netzwerk Sachsen und den CSDs aus Pirna, Döbeln, Vogtland und Leipzig.
«Sehr geehrter Ministerpräsident Michael Kretschmer, in Sachsen finden erfreulicherweise immer mehr CSD-Demonstrationen statt. Dieses Jahr zählen wir ganze 20 CSD-Veranstaltungen, eine Mehrzahl davon im ländlichen Raum. Wir beobachten jedoch eine starke Mobilisierung der rechtsextremen Szene, die aktiv Diskriminierung und Hass gegenüber LGBTIQ Personen schürt. Beim CSD in Bautzen versammelten sich knapp 700 Neonazis. Es kam zu Sprechchören offen rassistischer Parolen, verfassungswidrigen Gesten wie dem Hitler-Gruss, Einschüchterungsversuchen sowie queerfeindlichen Bedrohungen und zu Hasskrimininalität wie dem Anzünden einer Regenbogenfahne. All das trägt nicht nur dazu bei, dass sich die Demonstrierenden nicht sicher fühlen, sondern auch, dass den CSDs ein menschenfeindliches Klima entgegengesetzt wird. Diesem Klima müssen wir entschieden entgegenwirken!
Sie wurden kürzlich beim Wahlforum der Landeszentrale für politische Bildung in Görlitz auf den Nazi-Aufmarsch in Bautzen angesprochen und bereits im Vorfeld für Ihr Schweigen diesbezüglich kritisiert. In Ihrer Antwort verurteilten Sie zwar die rechtsextreme Drohkulisse, bezeichneten die CSD-Demo jedoch als ‹Party›. Als Ministerpräsident Sachsens ein Bild zu zeichnen, der CSD sei eine reine Vergnügungsfeier, verhöhnt nicht nur Betroffene, sondern verschiebt auch den Diskurs weg von klaren politischen Forderungen der queeren Community hin zu einem belanglosen Feieranlass – und das obwohl es streng genommen wenig zum Feiern gibt: Queere Menschen in Sachsen werden in allen Lebensbereichen noch immer diskriminiert.
Der Christopher Street Day ist keine Party, sondern eine politische Demonstration, um auf diese exkludierenden und diskriminierenden Strukturen aufmerksam zu machen. Er hat seinen Ursprung in den Stonewall-Aufständen von 1969 und es geht dabei um nichts weniger als den Kampf um Gleichbehandlung, Anerkennung und das Erstreiten von Menschenrechten. Innerhalb ihrer ‹Party›-Rhetorik offenbart sich zudem eine Unterschätzung dessen, was die Neonazis auf der Gegendemonstration eigentlich vorhaben: Da soll nicht einfach eine Party gestört werden, dort wird gelauert und bedroht, Straftaten werden begangen und menschenfeindliche Normen propagiert. Zum Nazi-Aufmarsch beim CSD Leipzig wurde immerhin unter dem Motto ‹weiss, normal, hetero› mobilisiert. Das ist mehr, als eine Party stören zu wollen – das ist brandgefährlich und muss auch dementsprechend benannt und abgewehrt werden.
In Ihrer Wahlkampagne für die Landtagswahl 2024 werben Sie derzeit damit, ‹Ministerpräsident aller Sachsen› zu sein. Wir möchten an Sie appellieren, sich entlang dieses Slogans entsprechend auch für queere Sächs*innen einzusetzen und sich aktiv und laut gegen Queerfeindlichkeit auszusprechen. Seit Jahren steigen die Zahlen zu politisch motivierter Gewalt und Hasskriminalität gegenüber queeren Personen, auch in Sachsen. Stehen Sie also mit einem klaren Bekenntnis an der Seite der queeren Community, die mehr denn je rechter Hetze und Hass ausgesetzt ist!
Die rechtsextreme Drohkulisse wie in Bautzen soll sich nicht wiederholen. In Leipzig konnte die rechtsextreme Demo glücklicherweise aufgelöst werden und wir wünschen uns ein solches Sicherheitskonzept für all die CSDs, die dieses Jahr noch anstehen. Dafür braucht es auch von Ihnen ein klares Bekenntnis zu Toleranz und Vielfalt und eine Stellungnahme, wie man queeres Leben und die CSDs in Sachsen zukünftig besser schützen kann. Andernfalls müsste man sich doch irritiert die Frage stellen: Ministerpräsident aller Sachsen – auch der LGBTIQ Personen?»
Maud liebt Basketball seit ihrer Jugend. Und seit ihrer Transition zur Frau kann Maud auch sich selbst lieben, wenn sie in den Spiegel schaut. Zusammen mit ihrem Team spielt sie bei den Eurogames in Wien gegen andere Teams aus Europa. Im Hobbysport müsse es dringend mehr Inklusion für trans Frauen geben, sagt sie (MANNSCHAFT+).
Das könnte dich auch interessieren
Boris Palmer soll sich bei LGBTIQ-Community entschuldigen
Der Kreisvorstand von Bündnis 90/Die Grünen in Tübingen geht auf Distanz zu Oberbürgermeister Palmer. Der müsse stärker auf seine Wortwahl achten, fordern sie.
Rosa von Praunheim dreht Film über schwulen Serienmörder
Die Dreharbeiten zum Film «Teuflische Tropfen», der bisher als «Tödliche Tropfen“ angekündigt war, sind abgeschlossen, der Regisseur will ihn auf der Berlinale 2019 zeigen.
Bisher grösste Jerusalem Pride – trotz Gegendemos
Vor drei Jahren hatte ein strengreligiöser Jude bei der Parade eine 16-Jährige erstochen. Diesmal blieb es ruhig. Aber es gab Gegendemos.
Lesben homophob beleidigt und mit Bierglas verletzt
Ein 35-jähriger Mann soll einer der Frauen ein Bierglas an den Kopf geschlagen haben, sie erlitt eine Kopfplatzwunde und kam ins Krankenhaus.