François Ozon und die unsterbliche erste Liebe
Der Film läuft jetzt in den Schweizer Kinos, im Juli in Deutschland und Österreich
Frankreich, Sommer und die erste Liebe – der neuste Streich von François Ozon hat alle Zutaten für eine queere Sommerromanze. Und doch kommt alles anders. Patrick Schneller hat «Sommer 85» gesehen.
Selbst wenn man die News mitverfolgt, ist es schlicht unmöglich, alle Filme im Auge zu behalten, die wegen der Corona-Pandemie verschoben worden sind. Es kann passieren, dass man ein Highlight übersieht – oder erst zur Kenntnis nimmt, wenn es in die Kinos kommt. So geschehen in der Schweiz mit «Sommer 85», dem aktuellen Werk des schwulen Kultregisseurs François Ozon («Gelobt sei Gott»): Mit der Wiedereröffnung der Kinos am 27. Mai lief das Drama ohne grosse Publicity an. Das deutsche und österreichische Publikum hat mehr Vorlaufzeit – dort startet die Lovestory im Juli.
Im Mittelpunkt steht der 16-jährige Alex (Félix Lefebvre), der 1985 in den Sommerferien im Küstenstädtchen Le Tréport den zwei Jahre älteren David (Benjamin Voisin) kennenlernt. Von Beginn an ist klar, dass die Liebe tragisch endet: Alex steckt in Handschellen, David ist tot. Was ist genau geschehen?
Ozon verfilmte den Roman «Tanz auf meinem Grab» von Aidan Chambers, und auch wenn es die kurze Inhaltsangabe suggerieren könnte, handelt es sich nicht um ein Thrillerdrama; vielmehr um eine tragische Romanze mit bittersüssem Touch.
Salopp formuliert könnte man von einer morbiden Variante von «Call Me by Your Name» sprechen: gleiches Jahrzehnt, vergleichbares Ferien-Feeling, auch die Geschichte der ersten gleichgeschlechtlichen Liebe eines Teenagers zu einem «erfahrenen» Kerl (obwohl der Altersunterschied hier deutlich geringer ist).
Aber natürlich drückt Ozon «Sommer 85» seinen eigenen, unverkennbaren Stempel auf. Als Beispiel sei hier bloss die so aufwühlende wie skurril komische Szene in der Leichenhalle erwähnt, die man gesehen haben muss, um sie zu glauben.
Und trotz aller Tragik endet das Ganze nicht im Jammertal. Es überwiegt der Wohlfühleffekt eines so gut wie möglich verarbeiteten Traumas und der Blick nach vorne.
Kurzum: «Sommer 85» ist das erste queere Kino-Highlight des Jahres.
Ebenfalls sehenswert: Ozons Nachkriegsdrama «Frantz» von 2016, in dem Anna ihrem Verlobten nachtrauert, der im Ersten Weltkrieg gefallen ist. Da taucht der junge Adrien auf. Er gibt sich als Studienfreund von Frantz aus Paris aus und spendet mit seinen Erinnerungen Trost. Doch der Schein trügt.
Mehr queere Kinohighlights stellt Patrick Heidmann vor.
Originaltitel: Été 85. F 2020, Regie & Drehbuch: François Ozon. Mit Félix Lefebvre, Benjamin Voisin, Philippine Velge, Valeria Bruni Tedeschi, Melvil Poupaud, Isabelle Nanty, Laurent Fernandez.
Patricks Bewertung: ★ ★ ★ ★ ☆
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