«Die Anomalie»: Kühner SciFi-Thriller von Hervé Le Tellier
Unter den Passagier*innen eines geklonten Flugs sind ein homosexueller nigerianischer Sänger und ein todkranker Pilot
Hervé Le Telliers Bestseller «Die Anomalie» über geklonte Flugzeugpassagiere war eines der erfolgreichsten französischen Bücher der vergangenen Jahre. Jetzt gibt es das preisgekrönte Werk auch auf Deutsch. Von Sibylle Peine, dpa
Die Welt steht vor einem Rätsel: Im März 2021 gerät eine Boeing auf dem Flug von Paris nach New York in heftige Wetterturbulenzen. Die Passagier*innen befürchten, ihr letztes Stündlein habe geschlagen, am Ende aber gelangt die Maschine sicher an ihr Ziel. Alle Insass*innen sind unversehrt. Doch dann das: Genau drei Monate später landet die gleiche Maschine noch einmal in New York. An Bord befinden sich wieder die gleichen Menschen. Plötzlich gibt es jeden Passagier in zweifacher Ausführung. Wie ist das möglich?
Hervé Le Telliers Roman «Die Anomalie» ist Science Fiction, Thriller und philosophisches Gedankenspiel in einem. Eine seltene, brillant aufbereitete Mischung, die die Jury des Prix Goncourt 2020 so überzeugte, dass sie dem heute 64-jährigen Autor den angesehensten französischen Literaturpreis zuerkannte. Jetzt ist sein Buch, das in Frankreich über eine Million Mal verkauft wurde und auch verfilmt wird, auf Deutsch erschienen.
Le Tellier ist hierzulande kein Unbekannter. Von seinem umfangreichen Werk – er verfasste über 30 Romane, Novellen und Gedichtbände – wurden einige Bücher schon übersetzt, so etwa «Neun Tage in Lissabon» oder «All die glücklichen Familien». Typisch für den Pariser Autor ist dabei sein Variantenreichtum, seine grosse Lust am Experimentieren. Jedes seiner Bücher ist anders, versucht sich in einer neuartigen Herangehensweise.
In «Die Anomalie» zerbrechen sich Politiker, Wissenschaftler und Religionsführer die Köpfe. Die gewagtesten Theorien werden erwogen und wieder verworfen. Am Ende steht die erschreckende Frage: Ist die Welt etwa eine einzige Simulation?
Oberflächlich kann man den Roman als Science Fiction-Thriller lesen, und zwar spätestens in dem Moment, wenn die Passagier*innen aus Flug 1 auf ihre Klone aus Flug 2 treffen.
Le Tellier hebt einige Individuen hervor, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Ein Auftragskiller, ein homosexueller nigerianischer Sänger, ein ungleiches Liebespaar, ein kleines Mädchen, eine taffe Anwältin, ein todkranker Pilot, ein gescheiterter Schriftsteller. Sie alle haben ihre Geschichte, ihre Geheimnisse, sind Zwängen und Selbsttäuschungen ausgesetzt. In Konfrontation mit ihren Doubletten entsteht sozusagen eine zweite Möglichkeit ihrer selbst. Sie können neu ansetzen, bekommen noch einmal eine Chance oder können zumindest Erkenntnisse gewinnen. Aber nicht immer gibt es ein Happy End.
Doch der Roman hat noch mehr Ebenen. Einige davon sind weniger leicht zugänglich. Es geht um physikalische Phänomene, um «Wurmlöcher», um Simulationen. Aber auch Geheimdienste spielen eine Rolle, Überwachungstechnologien und staatliche Kontrolle, viele brennend aktuelle Themen werden aufgegriffen. Es ist ein Spiel der Möglichkeiten, mit denen der Autor gekonnt und lustvoll jongliert. Das ist anregend, manchmal verwirrend, nie jedoch langweilig und ermüdend.
Ein paar kleine Jokes hat Le Tellier auch eingeflochten. So tritt in einer Szene ein begriffsstutziger amerikanischer Präsident auf, der «starke Ähnlichkeiten mit einem fetten Barsch unter blonder Perücke» aufweist. Selbstredend versteht er nur Bahnhof, als ihm all die komplizierten Theorien der Wissenschaftler präsentiert werden.
Und der Schriftsteller Miesel im Roman könnte durchaus eine Simulation von Le Tellier selbst sein. Schliesslich hat Miesel ein Buch namens «Die Anomalie» geschrieben, das allerdings erst nach seinem Tod ein Erfolg wird. Eine Anomalie allerdings konnte Le Tellier nicht vorausahnen, als er das Buch schrieb: dass nämlich der Flugverkehr zwischen Europa und den USA im Jahr 2021 weniger durch Wetterturbulenzen als durch Corona gestört sein würde.
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